Wenn die Manpower zunehmend weiblich ist

Bei ED Netze ist die Hälfte der sechs Bereichsleiterstellen weiblich besetzt. Als Quotenfrau empfindet sich dabei keine der drei – sie führen ihren Karriereweg auf eine fundierte Ausbildung und einen natürlichen beruflichen Ehrgeiz zurück. (Alle Fotos: Juri Junkov)
Bei ED Netze ist die Hälfte der sechs Bereichsleiterstellen weiblich besetzt. Als Quotenfrau empfindet sich dabei keine der drei – sie führen ihren Karriereweg auf eine fundierte Ausbildung und einen natürlichen beruflichen Ehrgeiz zurück. (Alle Fotos: Juri Junkov)

Im südbadischen Rheinfelden beschreitet der Netzbetreiber ED Netze neue Wege innerhalb seiner Unternehmensstrukturen. Unweit der Schweizer Grenze übernehmen junge Frauen Positionen in klassischen Männerdomänen. Das ist zwar keine Revolution, aber bricht in seiner Selbstverständlichkeit mit Traditionen – und wirkt durchaus visionär.

von Charis Stank

„Ich möchte einen Beitrag zum Umweltschutz und zur Verbesserung der Gesellschaft leisten, etwas Nachhaltiges bewirken.“ Dieser Satz von Julia Kruschina, die seit April 2021 bei ED Netze als Bereichsleiterin „Betrieb und Instandhaltung“ rund 70 Mitarbeiter führt, macht Hoffnung. Und ihr Statement untermauert den ehrgeizigen Slogan des Unternehmens: „Wir gestalten das Netz von morgen“.

Die ED Netze GmbH gehört zur Unternehmensgruppe der Energiedienst Holding AG. Rund 350 Mitarbeiter sichern – gesteuert von der zentralen Verbundleitstelle – Tag für Tag rund um die Uhr die Energieversorgung ihrer angeschlossenen Netzkunden und die Einbindung tausender dezentraler Einspeiseanlagen. Beim Netzausbau für die „Energiewelt der Zukunft“ gewinnen Klimaneutralität und Umweltschutz bei dem ökologischen Netzbetreiber rund um Energieerzeugungs- und -verteilungsanlagen sowie Sekundärtechnik überdurchschnittlich an Bedeutung.

Keine Quotenfrauen

Julia Kruschina ist eine von sechs Bereichsleitern und Bereichsleiterinnen bei ED Netze, die dem technischen Geschäftsführer Joachim Pfister unterstellt sind. Erstaunlich: Drei dieser Stellen sind weiblich besetzt, die andere Hälfte von Männern. Wie ihre Kolleginnen Franziska Heidecke, Leiterin „Digitalisierung und Innovation“, und Andrea Rahn, Leitung „Asset Management“, erfährt Julia Kruschina als Frau in diesem Tätigkeitsfeld und in dieser Position besondere Aufmerksamkeit. Sie gesteht: „Hätte man mich nach dem Abitur gefragt, ob ich im Bereich Elektrotechnik arbeiten möchte, hätte ich das für unmöglich gehalten.“

Noch erstaunlicher: Als Quotenfrau empfindet sich dabei keine der drei – sie führen ihren Karriereweg auf eine fundierte Ausbildung und einen natürlichen beruflichen Ehrgeiz zurück. So wie sie es formulieren, bestätigt es auch ein GesellschaftsReport Baden-Württemberg im Auftrag des dortigen Ministeriums für Soziales und Integration. In seiner Ausgabe 3-2020 heißt es:

„Erwartbar ist, dass Frauen dann häufiger führen, wenn sie hohe Bildungsabschlüsse erzielt haben. Im Kontrast dazu steht das Ergebnis für Männer, die bereits dann häufiger führen, wenn sie einen mittleren Bildungsabschluss erreicht haben. Für sie ist ein hoher Bildungsabschluss seltener eine Voraussetzung für das Erreichen einer Führungsposition als für Frauen.“

Alle drei Bereichsleiterinnen haben ihren Fachbereich erst vor relativ kurzer Zeit übernommen. Andrea Rahn im Sommer 2019, Franziska Heidecke und Julia Kruschina im Frühjahr 2021. Es ist ein weiteres Signal, dass ED-Netze-Geschäftsführer Joachim Pfister die Vision vom zukunftsorientierten Netzbetreiber in die Tat umsetzen will. Auch personell.

Fundiertes Fachwissen

Andrea Rahn, Bereichsleiterin Asset Management bei ED Netze GmbH

Ihre Ausbildung absolvierten die Frauen an deutschen Hochschulen. Während Andrea Rahn sich bewusst für Energietechnik entschied, begann Julia Kruschina zunächst ein Studium für Landschaftsarchitektur. Fehlende Zukunftsperspektiven bewegten sie jedoch schon bald zu einem Wechsel in das Fach „Energie und Ressourcenmanagement“ (für Details siehe hier). Besonders dessen Mischung aus kaufmännischen und versorgungstechnischen Aspekten reizte die Schwäbin.

Und auch Franziska Heidecke, die ursprünglich Pilotin werden wollte, begeisterte sich rasch für Themen, die häufig als „männlich“ gelten. Ihr Steckenpferd war schon während des Studiums die Digitalisierung der Stromnetze.

Alle drei Frauen eint das Interesse an der Umwelt, an den Erneuerbaren Energien, dezentraler Versorgung und Klimaneutralität. Sie nennen diese Schwerpunkte als Grund für ihre letztliche Studienplatz-Wahl.

Kompetenzen einbringen

Julia Kruschina, Bereichsleiterin Betrieb und Instandhaltung

Da sich die Teams, die ihnen unterstehen, häufig überwiegend aus Männern (Monteuren, Sachbearbeitern, Technikern) zusammensetzen, liegt die Frage nahe, wie sich die Frauen in ihren Positionen behaupten. „Man muss ein Stück weit professioneller auftreten“ resümiert Julia Kruschina und nennt die Akzeptanz der Kollegen als ihre größte Herausforderung. Sowohl die erfahrenen, als auch die jungen Kollegen seien ihr bei den Zukunftsthemen gleichermaßen wichtig. Gleichzeitig zeigt sie sich selbstbewusst: „Wenn man mit Leistung überzeugt, braucht man als Frau keine Quote.“ Bei den Mitarbeitern scheint sie Erfolg damit zu haben, denn nach ersten Gesprächen gab es schnell positives Feedback.

Kollegin Andrea Rahn, die für 17 Mitarbeiter, ebenfalls in der Mehrzahl männlich, zuständig ist, bestätigt das. Sie glaubt, dass zunehmende Diversität dauerhaft zu Verbesserung im Unternehmen führt: „Je mehr Leute mit unterschiedlichen Erfahrungen wir haben, desto größer ist das Spektrum, das wir abdecken. In der Arbeit und auch in den Diskussionen, die wir führen.“ Ein gutes Betriebsklima ist ihr wichtig, aber wenn Fortschritte nur durch Meinungsunterschiede erzielt werden können, ist sie bereit, diese Auseinandersetzungen zu führen: „Ich brauche keine permanente Harmonie, aber ich möchte, dass wir uns alle auf ein Ziel einigen.“

Wer nun meint, die jungen Frauen wären angetreten, einfach alles besser zu machen als ihre (männlichen) Vorgänger, der irrt. „Es ist wichtig, dass man Respekt zeigt, wenn man weiß, dass der andere schon sehr viel Berufserfahrung hat“, sagt Andrea Rahn. Und Julia Kruschina nennt sogar einen ehemaligen Chef explizit als starkes Vorbild für ihre heutige eigene Führungsarbeit.

Verantwortung übernehmen

Franziska Heidecke, Bereichsleiterin Digitalisierung und Innovation bei ED Netze GmbH

„Wir brauchen eine beweglichere Organisation, transparente Prozesse und Strukturen, in denen jeder Verantwortung übernehmen und seine Kompetenzen einbringen kann“, beschreibt Franziska Heidecke die angestrebte Transformation. Bei Julia Kruschina sieht das dann in der Praxis oft so aus, dass sie anstehende Aufgaben flexibler delegiert und so die Eigenverantwortung in ihren Teams fördern will: „Ich muss im Bilde sein, aber ich muss nicht alle Probleme alleine lösen.“

Auch bei den Mitarbeitergesprächen geht Julia Kruschina neue Wege. Wie Andrea Rahn legt sie großen Wert darauf, die Arbeitsplätze der Monteure zu kennen, auf deren Basis das gesamte Handeln der ED Netze basiert. Momentan ist sie daher mindestens einmal pro Woche im Netzgebiet unterwegs. Sie besucht regelmäßig die ihr anvertrauten sieben der insgesamt elf Stützpunkte, die sich zwischen Freiburg und Hochrhein und zwischen Villingen-Schwenningen und dem Bodensee verteilen.

Ihre Teamleiter müssen bei diesen Besuchen Kreativität beweisen. „Wenn wir ein Mitarbeitergespräch führen, überlegen sich die Teamleiter einen passenden Rahmen und machen mir einen Vorschlag: ein Spaziergang am Rhein, ein Frühstück oder eine kleine Wanderung.“ Sie glaubt: Auch auf diese Weise lernen sich Team(leitung) und Führungspersonal besser kennen.

Respekt trifft Zufriedenheit

Die Besuche auf den Stützpunkten haben jedoch noch mehr positive Aspekte. Während Asset Managerin Andrea Rahn sicher ist, sich mehr Respekt verschafft zu haben, indem sie gemeinsam mit den Arbeitern auch bei Regen auf der Baustelle stand, empfindet Bereichsleiterin „Betrieb und Instandhaltung“ Julia Kruschina Zufriedenheit über die eigene Arbeit. „Wenn ich durch unser Versorgungsgebiet fahre, ist das Netz allgegenwärtig. Es ist greifbar, was wir dort tun.“

Sätze wie „Ich hatte nie den Gedanken, etwas nicht zu können, weil ich eine Frau bin.“ oder „Ich möchte ankommen, eine gewisse Routine entwickeln und die Früchte meiner Arbeit ernten.“ zeigen, dass ED Netze in Sachen Diversität auf einem guten Weg ist. Auf jedem Fall schon mal für die gleichberechtigte Berufswahl von Männern und Frauen.

Aber auch für die ausgewogene Work-Life-Balance der Mitarbeiter. Denn das ist ein Aspekt des Berufslebens, den sich alle drei Frauen übereinstimmend wünschen. „Ich will mich nicht entscheiden müssen. Ich möchte es einfach machen.“

Über die Autorin: Charis Stank

Die freie Journalistin lebt seit 2003 in Hamburg. Sie absolvierte ein Studium für Journalistik und sammelte Erfahrungen in der Hamburger Redaktion des Stern. Seit fast zwanzig Jahren bereist sie intensiv den Alpenraum. Reisejournalismus und Social Media gehören heute ebenso zu ihren Aufgaben, wie die Chefredaktion Digital bei der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ). Texte veröffentlich sie im Schönste Zeit Magazin.

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