Der Stromkrieg: Wechselstrom schlägt Gleichstrom

Eine Alternative zu Edisons Gleichstromsystem: Mit doppelsinnigen Anzeigen warb George Westinghouse für seinen Wechselstrom (englisch: alternating current). (Foto: Public Domain via Wikimedia Commons)
Eine Alternative zu Edisons Gleichstromsystem: Mit doppelsinnigen Anzeigen warb George Westinghouse für seinen Wechselstrom (englisch: alternating current). (Foto: Public Domain via Wikimedia Commons)

VHS gegen Betamax, Blu-ray gegen HD DVD – Hersteller, die mit ihrer Technik um den künftigen Standard buhlen, kennt man heute vor allem aus der Unterhaltungselektronik. Alles Scharmützel im Vergleich zum sogenannten „Stromkrieg“. Er stellte den Netz-Schalter auf Wechselstrom.

von Patrick Torma

Mitte der 1880er-Jahre elektrifizieren Thomas Alva Edison und George Westinghouse die USA. Der eine nutzt Gleichstrom, der andere Wechselstrom. Edison punktet mit seinem Erfinder-Ruf und erprobten Patentlösungen. Westinghouse hingegen bietet das leistungsfähigere System – auf dem Papier: noch fehlen wichtige Komponenten. Solange scheint Edisons Gleichstrom im Vorteil.

Bis zum Ende der Dekade holen Westinghouse und dessen Konstrukteure auf. 1888 entwickelt Nikola Tesla einen Induktionsmotor, der Maschinen effizient mit Wechselstrom antreibt. Der „Stromkrieg“ eskaliert: Edison, der um seine Vormachtstellung – und das viele Geld, das er investierte – bangt, startet eine Kampagne, um die Wechselspannung in ein gefährliches Licht zu rücken. Es gibt sogar Tote: Edisons Mitarbeiter setzen zu „Demonstrationszwecken“ Hunde, Pferde und eine Elefantendame unter Strom. „Hintenrum“ unterstützt Edison außerdem die Entwicklung des elektrischen Stuhls, der natürlich mit Wechselstrom funktioniert, nur um öffentlich das Verb „to westinghouse“ für diese Form der Hinrichtung vorzuschlagen.

Zwei Großaufträge bringen die Entscheidung

Westinghouse kontert mit Kampfpreisen: Er unterbietet seinen Konkurrenten deutlich und darf 1893 die Weltausstellung in Chicago erleuchten. Ein Prestigeerfolg: Millionen Besucher baden im Lichtermeer der Messe. Eine weitere Ausschreibung bringt 1895 die Vorentscheidung: Westinghouse erhält den Zuschlag, ein leistungsstarkes Kraftwerk an den Niagarafällen zu bauen.

Der unterlegene Edison darf noch die Leitungen ins rund 40 Kilometer entfernte Buffalo beisteuern, bevor er aus dem eigenen Stromgeschäft gedrängt wird: Die von ihm mitbegründete General Electric Company rüstet auf Wechselstrom um, denn die Technik von Westinghouse setzt sich durch. Er legt den Grundstein für das Übertragungssystem, auf dem das US-amerikanische Stromnetz bis heute fußt: Dort schwankt zweiphasiger Drehstrom mit einer Netzfrequenz von 60 Hertz durch die Leitungen.

Europa: Friedliche Revolution statt Stromkrieg

Auch in Europa fließt Wechselstrom (dreiphasig, mit 50 Hertz), allerdings setzte er sich hierzulande früher und „friedlicher“ durch. Dass es in den USA überhaupt zum „Stromkrieg“ kam, war nicht zuletzt der Sturheit Edisons geschuldet, der seine immensen Investitionen in das Gleichstromsystem nicht abschreiben wollte.

Die europäische Technikwelt war sich über die damaligen Vorzüge der Wechselspannung weitgehend einig. Den Beweis lieferte eine Drehstromübertragung aus Lauffen am Neckar nach Frankfurt 1891. Die Technik steuerte unter anderem die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft bei, kurz: AEG. Ironie am Rande: Der Elektrokonzern firmierte in seinen Anfangstagen unter „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität“.

Über den Autor: Patrick Torma

(Foto: CAMILLO WIZ PHOTOGRAPHY, Camillo Lemke)
(Foto: CAMILLO WIZ PHOTOGRAPHY, Camillo Lemke)

Als freier Journalist und Texter spürt Patrick Torma spannenden Geschichten nach – und bringt sie für Leser auf den Punkt. Zu seinen Auftraggebern zählen Medien und Redaktionsbüros, aber auch Unternehmen, die ihrer Zielgruppe einen Mehrwert bieten. Technische und historische Themen begeistern ihn besonders. Da trifft es sich gut, dass die (Strom-)Netzgeschichten im ED-Netze-Blog beides vereinen.

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